Sonntag, 8. Dezember 2019
Traumroutine I
Mit aller Kraft drückt er meinen Kopf in den Dreck während die Welt um uns herum untergeht. Das, was von meinem Körper übrig geblieben ist, schreit mit aller Sehnsüchte nach dem Tod. Ich spüre seinen warmen, harten Körper, den er unter größter Anspannung an mich drückt, um den Scheusalen und Bestien weniger Angriffsfläche zu bieten, mit einer Intensität, die ich niemals habe träumen können.

So verharren wir mehrere Ewigkeiten, ehe sich die Lage für einen Moment entspannt. Mit einem Ruck reißt er meinen Kopf aus dem Dreck und meine Lungen füllen sich schmerzlich mit der lang ersehnten Luft. Er dreht meinen Körper herum und schaut mich mit seinen glänzenden Augen und seinem irren Lachen an.

Sein Blick durchbricht die letzten Fesseln meines Verstandes und erreicht die Ufer meiner innersten, verletzten Seele.

"Kas, vergiss nicht: Der Schmerz des Lebens lohnt sich. Jeder einzelne Moment."

Damit lässt der Irre von mir ab, springt auf und sprintet mit dem agonischsten aller Lachen den Toren aller Höllen entgegen.

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Freitag, 6. Dezember 2019
Report #73
Ich müsste lügen, um zu sagen, dass ich nicht von mir selbst enttäuscht bin.

Ich habe versagt. So einfach. Ein Versager. Das bin ich.
Ich habe mich selbst belogen und morgen ist meine letzte Chance, wenn überhaupt.

Was kann der Mensch verlieren, wenn er nichts zu verlieren hat?

Wer bin ich und wer war ich? Und wer dachte ich zu sein?

Ich sitze am Schreibtisch, lerne für meine Prüfung morgen. Vor mir, unweit des Laptops brennt eine Kerze und aus den Boxen erklingen leise polnische Soldatenlieder aus dem 18. und 19. Jahrhundert und ich verstehe kein Wort. Wie sollte ich auch, ich spreche kein polnisch, aber die unbekannten, fremden Wörter beruhigen mich ungemein. In der linken halte ich meine Dose Bier und in der rechten den Stift mit dem ich mir Sachen notiere. Das Fenster ist gekippt und bringt neben kalten Luftstößen, den Klang des leise fallenden Regens hinein.

Und in meinen Gedanken, die abschweifen von der Prüfung zu Träumen, sammelt sich die Husaria ein letztes Mal in eben jener Kälte und jenem leisen Regen dort draußen. Sie schauen den Hügel hinab auf dunkle, nur Schattengestalten. Mit einem letzten aufbäumen, stürmen sie los, wohlwissend, das diese Zeit nicht mehr die ihrige ist und das aller alter Ruhm verblassen wird, wie die Erinnerung an das heutige, stolze Ende. Die Schläge der Hufen und das flattern ihrer Flügel übertönt jeden Regen und beschwört den ehrfürchtigen Hall der einst im ganzen Königreich Polen, im Großfürstentum Litauen, in Ruthenien und am Kahlenberg erklang.

Und nur die Enttäuschung bringt mich zurück. Eine andere Pflicht ruft, meine Pflicht. Mir bleibt nichts anderes, als mich wieder meiner Prüfung zu widmen und meine Kreativität und Sehnsüchte zu begraben.

Kas

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Montag, 2. Dezember 2019
Uhrmensch
Eigentlich will ich nur funktionieren
wie ein Uhrwerk und
sterben
wie John Henry.

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Report #72 - Entnüchterung
Ich möchte den kurzen Moment ihrer Aufmerksamkeit nutzen, um Sie, verehrte Leser und verehrteste Leserinnen, auf zwei schwere Missstände aufmerksam zu machen:

1. Obwohl die Nacht des ersten auf den zweiten Dezember bereits vergangen ist, fand sich niemand zusammen um gemeinsam mit mir, die kasgraische Entnüchterung gebürdig zu zelebrieren. Nach 30 Tagen der Abstinenz, des Entsagens und der Blaukreuzlerei hatte ich mir, von den nicht verstorbenen Saufbrüdern, mehr feuchtfröhliche Hingabe gewünscht.

Dementsprechend, mag Sie es nicht verwundern, dass ich meinen engen Kontakt zur schlechten Gesellschaft bereits überdenke, und überlege, Kontakt zu noch schlechteren Gesellschaften zu ersuchen.

2. Entnüchterung ist kein deutsches Wort, welches die Adelung der Aufnahme in den Folianten namens Duden geschafft hat. Erschreckend, liebe Leser und liebste Leserinnen, ich weiß.

Orientiert am Artikel zum "ausnüchtern" schlage ich deshalb vor:

entnüchtern, schwaches Verb

Bedeutung:
1. nach übermäßiger Abstinenz wieder betrunken werden
Beispiele:
- die Polizei hatte ihn in eine Bar gebracht, wo er entnüchtern sollte.
- (auch entnüchtern + sich:) im Krankenhaus musste er sich entnüchtern

2. nach übermäßiger Abstinenz wieder betrunken machen
Beispiele:
- in dieser Bar werden Nüchterne entnüchtert.

Anfragen zur Unterschreibung oder zur Unterstützung von und zu Petitionen, bitte direkt an mich. Nur gemeinsam können wir was bewegen.


Und mit allerletzter Ernsthaftigkeit, liebe Leser und Leserinnen: Kann es eine Sucht sein, wenn man sich nach dreizig anstrengenden Tagen auf seinen ersten Tropfen kühles Bier freut?

Kas

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Sonntag, 1. Dezember 2019
Ende einer Nacht
»Sag mir Kas, wann haben wir angefangen zu sterben?«
»Ich weiß es nicht, wahrscheinlich mit dem Moment unserer Geburt?«
»Und... warum hat es sich dann nie angefühlt, als würden wir leben?«

Stille.

»Was hattest du denn erwartet?«
»Nicht das... Zumindest nicht das.«

Stille.

»Und..., wenn wir es nochmal versuchen würden?«
»Nochmal versuchen?«
»Ja, das..., das mit dem Leben.«

Stille.

»Du vegisst: Wir sind tot.«
»Nein, nein..., ich weiß. Ich meine ja nur.«

Stille.

»Stell dir nur mal vor: diese alles vernichtende Agonie zu besiegen mit, mit... pathetischer Euphorie.«
»Du meinst: Leben besiegen mit... Leben?«
»Ja... Vielleicht...?«

Stille.

»Einfach Ja sagen.«
»Ja?«

Stille.

»Zu was? Zum Leben?«
»Nein, nein... Ja, zum Tod.«

Stille.

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Dienstag, 19. November 2019
Report #71 (?) oder König Elend
Harter, aber erfolgreicher Tag. Gut gelaunt habe ich ihn bei einer Tasse Tee ausklingen lassen. Dann ins Bett, denn ich muss morgen wieder früh raus.

Doch jetzt, Schlaflosigkeit und dunkle Gedanken. Die gute Stimmung ist verpufft. Selbstzweifel und andere Unzulänglichkeiten.

Ausgelaugt und verbrannt, aber nicht in der Lage sich zu erholen. Vergiftete Gedanken suchen mich heim, als wären es Alpträume.

Ich wünschte, ich wäre König Elend, seine Unsouveränität. Aber ich bin nur ein Lügner und Betrüger, mein ganz eigener Schelm.

Ich wünschte, ich hätte nichts, um nichts zu verlieren und nichts zu missen.

Aber es gilt wohl grässliches zu wagen, seiner selbst elendig begraben, seinen Stolz zu verbannen und das Leben zu bejahen.

Und mit allerletzter Eherlichkeit: Ich weiß nichts zu sagen, noch was es soll.

Mit allerhöchster Hochachtung,
Seine Unsouveränität,
König Elend,
begraben.

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