Mittwoch, 19. Februar 2020
Abendroutine III
Etwas angetrunken stolpere ich mit einer Barbekanntschaft aus meiner Stammkneipe und bringe sie zur Bushaltestelle. Wir philosophieren weiter während sie auf den Bus wartet und als er endlich kommt, steigt sie ein und ich schaue ihr nach.
Auf eine weitere zufällige Begegnung in einer der verlorenen Kneipen der Stadt.

Ich gehe einige Schritte in Richtung meiner Wohnung und entscheide mich dann dagegen. Ich betrete die kleine, verrauchte Kneipe unweit der Bushaltestelle.

"Zwei Bier zum mitnehmen, bitte."
"Zuhause sterben die meisten Menschen." sagte eine hübsche Frau an der Theke neben mir und lacht mich an.
"Gut, dann doch eins für hier." sage ich zum Barmann.

Als der Barmann die beiden Bierflaschen vor mir stellt, ist sie schon wieder ins Gespräch mit einem anderen Gast vertieft.

"Das Bier zum mitnehmen kostet zwei und das zum hier trinken zweifuffzig."
Ich schaue ihn fragend an. Ich hab den Fünfer schon in meiner Hand.
"Wieso das denn?"
"Keine Ahnung. Ist doch überall so."
Ich überlege nochmal nachzufragen, weil ich es nicht verstehe, warum es teuer sein sollte, entscheide mich aber dagegen.
"Gut, dann hau ich ab. Stimmt so."

"Du gehst doch schon?" fragte sie nach als ich gehe und unterbricht ihr Gespräch.
"Ja, so habe ich fünffzig Cent gespart."

Zuhause stirbt's sich doch am besten.

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Montag, 9. Januar 2017
Ampelroutine
Ich bin auf dem Weg zur Uni und stehe an meiner Schicksalsampel. An guten wie an schlechten Tagen entscheidet sie, ob ich pünktlich oder zu spät komme.

Eine Frau mit ihrer kleinen Tochter steht neben mir, hält sie an der Hand und ich schnappe einige Wortfetzen auf.
"... der Michal ist deshalb so schlecht in Mathe, weil niemand mit ihm übt!" sagt die Mutter bestimmt.
"Aber seine Eltern sind polnisch!" wirft die Kleine ein.
"Das hat damit überhaupt nichts zu tun." beharrt die Mutter weiter. "In Polen hat man auch Plus, Minus, Mal und Geteilt." Die Ampel wird grün, wir laufen los.
Lektion gelernt?

Ich bin auf dem Weg zur Wohnung und stehe an meiner Schicksalsampel. An guten wie an schlechten Tagen ist es mir egal, wie sie steht, denn ich bin gleich endlich zuhause.

Ein Mann mit seinem Sohn steht gegenüber von mir und hält ihn an der Hand. Es ist kein Verkehr, aber die Ampel zeigt rot. Schnell schaut er die Straße auf und ab, dann hebt er seinen Sohn hoch und eilt über die Straße. Die Mitwartenden werfen ihm einen skeptisch-entsetzten Blick zu. Mir ist es eigentlich egal. Die Ampel ist rot, wir warten.
Lektion gelernt?

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Samstag, 29. Oktober 2016
Abendroutine II
Die letzten Abende war ich viel unterwegs. Alte, gute Freunde besucht und getroffen. Es tat gut sie nach langer Zeit wieder zusehen, sich zu unterhalten, zusammen zu trinken und zusammen zu lachen.

Jetzt bin ich alleine. Ich genieße es. Das Licht ist aus, bis auf den Laptop, eine kleine Schreibtischlampe und eine kleine Duftkerze, die ich mir angesteckt habe. Ich habe mir eine Decke über die Schultern geworfen und trinke Rum mit Cola oder Cola mit Rum. Ich verfluche mich, keine Limette besorgt zu haben, um den Drink angemessen zu verfeinern, aber ich hatte nicht daran gedacht, dass es heute so endet. Oder enden kann. Ich hatte mir überhaupt keinen Gedanken über den Abend gemacht.

Durch das gekippte Fenster höre ich das Leben der Stadt. Die Kneipen und Bars sind nicht weit und ich bin es gewöhnt die singenden und lallenden Betrunkenen zu hören, die auf die Busse warten oder erst einkehren. Es macht mich nachdenklich.

Ich muss an das eine oder andere denken, doch ich finde keinen klaren Gedanken, keine klare Richtung. Ich springe hin und her und nichts hält mich, kein Gedanke bleibt.

Ich denke an gestern und morgen, an alte Freunde, Familie, neue Bekannte und Weggefährten. Ich denk an Sie und Sie und verliere mich doch.
Ich denke an Blamagen und Gelächter, an Erfolge und Schulterklopfen, an Tage voller Schmerz und Tagen voller Leichtigkeit.
Ich denke an das, was kommen mag oder auch nicht, an das, was noch ungeschrieben ist und vielleicht auch bleibt.

Die Gedanken kommen und gehen und würde jetzt jemand klopfen und meine glückliche Einsamkeit stören, so würde ich aufstehen, die Decke wie den Mantel eines Königs um die Schulter gelegt, die Türe öffnen, sie oder ihn hereinbitten, einen weiteren Drink ausschütten, mich für die fehlende Limette entschuldigen und sie oder ihn einladen, gemeinsam mit mir diese Einsamkeit zu genießen.

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Donnerstag, 18. August 2016
Wanderroutine
Ich laufe etwas abseits durch den Wald. Trotz des prächtigen Wetters scheint heute niemand sonst unterwegs zu sein, zumindest ist mir bisher noch niemand begegnet. Es ist mir nur recht, denn ich genieße die Ruhe der Natur, die Abgeschiedenheit der Waldwege und den Schatten des Blätterdachs.

"Halt!" höre ich es plötzlich ganz nah rufen und erschrocken bleibe ich wie angewurzelt stehen. Ich schaue zurück, denn vor mir war niemand zu sehen, doch auch hinter mir war niemand. Dann erst hörte und bemerkte ich den hageren, verdreckten Mann, der sich mühsam durch das dichte Dickicht etwas abseits des Weges quälte.

Zutiefst verunsichert was genau gerade passierte, bleibe ich stehen und beobachte den fremden, eigenartigen Mann. Mit einem entschlossenen, fast trotzigen Ruck gelingt es ihm, sich endlich aus dem Gestrüpp zu befreien und mit einem finsteren Lachen springt er vor mich.

"Das ist ein Überfall!" sagt er und richtet seine alte Flinte, die ich vorer für einen einfachen Stock gehalten hatte, auf mich.

Eingeschüchtert hebe ich die Hände. Ich weiß nicht was ich sagen oder tun soll und entscheide mich ihn machen zu lassen.

"Gib mir dein Geld!" sagt der Wegelagerer und bedroht mich weiterhin mit der Waffe. Langsam nehme ich eine Hand hinunter um in meine Hosentasche zugreifen, stoppe aber dann und nehme sie wieder nach oben.

"Ich habe kein Geld dabei. Ich wollte nur spazieren gehen." versuche ich mich zu entschuldigen. Es stimmte, ich hatte wirklich nichts dabei. Wieso auch?

Er sieht mich skeptisch an, aber er scheint mir zu glauben. "Dann gib mir dein Schmuck!"

Jetzt schaue ich ihn skeptisch an. Ich drehe meine erhobenen Hände um ihm zu zeigen, dass ich weder Ring, noch Uhr trage. Ich versuche ihm entgegen zukommen um diese obskure Situation zu beenden. "Ich kann dir meinen Gürtel anbieten..." Er winkt ab.

"Hast du denn wirklich überhaupt nichts von Wert dabei?" fragt der Räuber nun fast schon enttäuscht, aber immer noch bestimmt nach.

"Nur mein Handy. Das ist vier Jahre alt. Kannst du gerne haben..." Er flucht und nimmt das Gewehr herunter. "Sieh zu das du wegkommst und nimm das nächste Mal verdammt nochmal was mit!"

Leise fluchend macht er sich wieder daran sich im Unterholz zu verstecken. Ich schaue ihm ungläubig nach, atme dann tief durch und laufe stramm weiter, bloß raus aus dem Wald.

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Donnerstag, 2. Juni 2016
Abendroutine
Ich sitze da. Es ist dunkel, doch die Nacht ist noch jung.
Vor mir stehen die dritte und vierte Tasse Tee für diesen Abend. Für eine Tasse filtere und koche ich schon lange kein Wasser mehr.

Das Fenster ist offen, es nieselt leise vor sich hin. Zur Sicherheit habe ich mir eine Decke über die Schultern geworfen. Im Zimmer ist es dunkel. Nur das Licht des Laptops und meine kleine Nachttischlampe sorgen für Beleuchtung.

Wenn ich aus dem Fenster schaue, sehe ich einige wenige Fenster noch beleuchtet. Die meisten sind bereits dunkel. Schlafen sie schon oder sitzten sie auch im Dunkeln? Um ehrlich zu sein, es ist mir egal.

Ich trinke einen Schluck. Es fühlt sich gut an, wie immer.

Ich bin etwas melancholisch. Ich muss nachdenken. Ich denke nach. Wie die Zeit vergeht. Wieder ein halbes Jahr herum. Ich muss an Silvester denken und wie wenig sich seit dem getan hat. Scheinbar in jeglicher Hinsicht.

Doch es stimmt nicht. Es gab eine Reihe von kleinen Siegen und eine Reihe von kleinen Niederlagen. Doch schlussendlich ging es bergauf. Oder? Alles eine Sache des Blickwinkels, sage ich mir. Es kann nur besser werden. Immer. Denke ich. Aber glaube ich auch wirklich daran oder ist es bloß eine dumme Floskel?

Ich weiß es nicht.

Durchhalten. Einfach immer weiter machen. Wer verzagt, versagt. Die Zukunft wird schon was für mich bereithalten. Einfach immer weiter an mir arbeiten, immer weiter an meinem Glück arbeiten. Immer weiter, immer weiter.

Zeit ist temporär.
Ich muss grinsen.
Zeit ist temporär.

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Sonntag, 22. Mai 2016
Morgenroutine II
Ich werde wach. Die Sonne scheint. Es ist bereits Mittag. Ich bleibe einen Moment liegen und stelle nüchtern fest: Ich lebe. Keine große Erkenntnis, doch in diesem Augenblick irgendwie schon.

Ich richte mich auf, stehe auf und strecke mich. Es tut gut meine verkrampften Muskeln zu spüren und zu lockern. Eine ungeahnte Last fällt von mir herab.

Ich gehe ins Bad, schalte das kleine Licht an und spritze mir etwas kaltes Wasser ins Gesicht. Es fühlt sich unerwartet gut an. Die belebende Frische und Kälte vertreibt die letzte Benommenheit. Die nächste Last fällt herab.

Dann schaue ich in den Spiegel. Ich muss grinsen. Ich sehe heute gar nicht mal so schlecht aus. Gab viele schlimmere Tage. Ich fahre mir kurz mit der Hand durchs Haar und alle stehen wild durcheinander. Ich wünsche mir selbst einen wunderschönen Morgen und verlasse grinsend das Bad. Ich fühle mich gut.

Ich reiße das Fenster auf, lasse die verbrauchte, warme Luft hinaus und die frische, kühle herein. Die Vögel pfeifen, der Himmel ist klar und die Sonne scheint. Ich schaue einen Moment hinaus und denke an nichts. Überhaupt nichts. Was für ein schöner Tag.

Während ich den Wasserkocher einschalte und eines der Brötchen von gestern aufschneide, kann ich nicht anders und fange erst an zu pfeifen, dann zu singen. Ich habe einen Ohrwurm. Ich muss kurz daran denken, was für ein schrecklicher Sänger ich bin, aber es ist mir egal.

Ich schütte das kochende Wasser in meine Teetasse und beiße genüsslich in das alte Brötchen. Heute wird ein guter Tag. Heute ist ein guter Tag. Heute bleibt ein guter Tag, mag passieren was will.

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Mittwoch, 13. April 2016
Morgenroutine
Ein dumpfer Knall weckt mich, ich habe keine Chance, ich bin wach. Ich überlege liegen zu bleiben, doch ich weiß, dass ich dann trotzdem nicht wieder einschlafen werde.
Müde richte ich mich auf, schwinge mich elanlos aus dem Bett und strecke mich kurz. Dann schlurfe ich durchs Zimmer in Richtung Bad, aus dem der dumpfe Knall wohl kam.

Ich knipse das Licht an und schaue mich skeptisch in meinem kleinen Badezimmer um. Natürlich ist es leer. Nur das Klo, das Waschbecken, die Dusche. Alles auf wenigen Quadratmetern.
Etwas stimmt nicht. Der Duschvorhang ist zugezogen. Hatte ich ihn gestern zugezogen? Ich gehe hinein, schnappe ihn und ziehe ihn beiseite.

Ich blicke in das gehässige Gesicht eines nackten Mannes der in meiner Dusche steht und mit der Duschbrause auf mich zielt. Ehe ich etwas sagen oder gar reagieren kann, spritzt mir eiskaltes Wasser entgegen. Mein Herz prescht los. Einerseits wegen dem unfassbar kalten Wasser, andererseits wegen dem fremden, nackten Mann in meiner Wohnung, genauer, meiner Dusche.

Mein erster Wehrreflex setzt ein. Ich versuche ihm die Brause zu entreißen, doch ich sehe nichts, denn der Nackte zielt fies genau auf meine Augen und ich schaffe es nicht den Strahl abzulenken.

Es ist mir zu viel für den Morgen, ich kapituliere. Ich stelle alle Versuche ein, bleibe ruhig stehen und lasse das kalte Wasser, kaltes Wasser sein, und den nackten Fremde, einen nackten Fremde. Ich hab keine Lust mehr. Soll der Kerl doch machen was er will.

Ich habe meine Augen geschlossen und ich bin mittlerweile durch und durch durchnässt. Meine Unterhose, in der ich geschlafen hatte, klebt unbequem an meinem Körper.
Eine Weile noch scheint es ihm Spaß zu machen, dann drückt er mir die Brause in die Hand und ich spüre, wie er sich an mir vorbeidrängt und aus der Dusche steigt. Ich bewege mich nicht. Kurz darauf höre ich meine Wohnungstür ins Schloss fallen.

Ich öffne die Augen, verschwende keinen Gedanken daran, was gerade passiert ist, hänge die Brause an ihre Halterung zurück, ziehe meine Unterhose aus und werfe sie achtlos in das eh schon durchnässte Badezimmer.

Ich drehe angenehm warmes Wasser auf. Durchatmen. Alles wird gut. Du packst das schon. Ganz normaler Wahnsinn.

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